Warum es im Mittelstand keine Top-Arbeitgeber gibt

Wieso nie Arbeitgeber im Mittelstand Top-Arbeitgeber werden Warum es im Mittelstand keine Top-Arbeitgeber gibt.

Was wie eine rein provokative Überschrift klingt, ist leider die traurige Wahrheit. In Deutschland gibt es keine Top-Arbeitgeber, die aus dem Mittelstand kommen. Zumindest erwecken die fortwährend veröffentlichten Arbeitgeberrankings diesen Eindruck. Warum das so ist und wieso auch die Presse in ihrer Filterblase gefangen ist, zeige ich in diesem Beitrag auf.

Manch einer meiner Leser mag es vielleicht gar nicht mehr hören. Schon häufig habe ich auf meinem Blog über Arbeitgeberrankings berichtet, zum Beispiel „Wie valide sind Arbeitgeberrankings?“ oder „Welchen Einfluss haben Arbeitgebersiegel auf Studenten und Absolventen? – Studienergebnisse“. Dass ich auf der Seite der Kritiker dieser Rankings stehe, dürfte Ihnen ebenso bereits bekannt sein.

Die Glassdoor Top25 Arbeitgeber 2017

Auslöser für diesen Beitrag ist das aktuelle Arbeitgeberranking von Glassdoor. Das amerikanische kununu-Pendant hat in der letzten Woche die 25 Top-Arbeitgeber gekürt und veröffentlicht. Würde ich Sie jetzt tippen lassen, wer alles gewonnen hat, so haben Sie gute Chancen den Großteil der Unternehmen zu erraten. Ich nenne die Unternehmen in diesem Zusammenhang gerne „die üblichen Verdächtigen“. Ganz vorne SAP, adidas und Bosch, aber auch BMW, Volkswagen und die Telekom sind in den Top25. Überrascht Sie wenig, oder?

Das mag jetzt daran liegen, dass die Unternehmen wirklich herausragend gute Arbeitgeber sind – oder aber auch an der zugrundeliegenden Methodik.

Das Gewinnen der Großen hat Methode

Werfen wir doch mal einen Blick hinter die Kulissen (mein Spezialgebiet): Glassdoor nennt eine Anzahl von 2,1 Millionen Arbeitgeberbewertungen im Aktionszeitraum zwischen 02.11.2015 und 30.10.2016, die in das Ranking eingeflossen seien. Das klingt erst einmal viel, allerdings bezieht sich der Wert auf Glassdoor insgesamt, nicht nur auf Deutschland. Denn in Deutschland ist die Plattform noch verhältnismäßig unbekannt.

Das sieht man auch wenn man die Kriterien für eine Qualifikation von Unternehmen in Deutschland mit denen zum Beispiel in den USA vergleicht. Während in den Vereinigten Staaten bei großen Unternehmen 75 Bewertungen notwendig sind und für kleine und mittlere Unternehmen immerhin 25, so reichen für das deutsche Ranking bereits 20 abgegebene Bewertungen für große Unternehmen innerhalb eines Jahres aus.

Internationalität hilft beim Gewinnen

Ist ein Unternehmen in den USA tätig und die Plattform dort bekannt, werden tendenziell mehr Mitarbeiter im Aktionszeitraum eine Bewertung vornehmen als im Glassdoor No-mans-land Deutschland. Und überhaupt scheint es doch für ein Unternehmen, das wie SAP laut Wikipedia über 82.000 Mitarbeiter hat, ein Leichtes zu sein, die 20er Hürde innerhalb eines Jahres zu überspringen.

Die Langzeit-Bewertung bleibt außen vor

Glassdoor gibt es erst seit Januar 2015 in Deutschland, dennoch legt die Plattform für ihr Ranking einen Aktionszeitraum zugrunde, um vermeintlich nur topaktuelle Bewertungen einfließen zu lassen. Weiterhin ist Glassdoor anscheinend bemüht, zusätzlich so etwas wie die Kontinuität von Bewertungen eines Arbeitgebers zu berücksichtigen. Klingt erst einmal gut. Aber Vorsicht: Nur in negativer Hinsicht.

Das bedeutet, dass laut der Glassdoor Regularien Unternehmen aus dem Ranking fallen, die zwar im Aktionszeitraum die Teilnahmevoraussetzungen erfüllen, im Jahr davor aber qualitativ stark negativ abweichende Bewertungen vorweisen. Will heißen: Verbessern ist nicht erlaubt.

Wenn nur eine einzige Stimme zwischen Sieg und Nicht-Nennung entscheidet

Umgekehrt wurden durchgängig recht hohe positive Bewertungen aus den Vorjahren, nicht in die aktuelle Aktion einberechnet. So wurde beispielsweise ein Unternehmen wie die DATEV eG, die in den letzten beiden Jahren auf einen summarischen Wert von 4,7 Punkten kam (und rechnerisch damit sogar 0,3 Punkte über dem Rankingsieger SAP liegt), laut Aussage von Glassdoor aufgrund des Fehlens einer einzigen Bewertung nicht genannt, denn dort wurden zufällig nur 19 statt 20 Bewertungen im Aktionszeitraum abgegeben. Und das immerhin schon bei einer Unternehmensgröße von annähernd 7.000 Mitarbeitern. Wobei in der Tat über 20 Bewertungen im Aktionszeitraum abgeben wurden. Es wurden allerdings wohl nicht immer gewisse Arbeitsplatzfaktoren zusätzlich bewertet. Dies sei aber laut Glassdoor ebenfalls Teilnahmevoraussetzung. Aha.

Merken Sie was? Eine einzige Stimme kann über Platz 1 entscheiden – bei 2,1 Millionen abgegeben Bewertungen! Sie entscheidet darüber, ob ein Unternehmen als Top-Arbeitgeber gewinnt – oder noch nicht einmal genannt wird.

Klingt nach sehr werthaltigen Aussagen durch dieses Ranking, finden Sie nicht auch?

Die Medien sind Gefangene ihrer Filterblase

Glassdoor leistete übrigens erstaunlich gute Pressearbeit und fand zahlreiche Partner, die dem Ranking zu medialer Reichweite verhalfen. So am Samstag auch n-tv. Dort wurde im Bericht über den Sieger SAP im Zusammenhang mit dem Ranking die Anzahl von 4.500 Bewertungen genannt. Der Fehler dabei: Die 4.500 Bewertungen wurden nicht im Rahmen des Aktionszeitraums für die Walldorfer abgegeben, sondern entsprechen der internationalen Gesamtbewertung auf der Plattform seit Bestehen 2007. Und das ist ein gewaltiger Unterschied!

Allerdings haben Journalisten weder die Zeit noch die Expertise, Sachverhalte wirklich zu durchleuchten. Es geht um plakative Nachrichten. Und seien wir ehrlich: Hätten 20 Mitarbeiter der Bäckerei Müller-Meier in Buxtehude im Aktionszeitraum eine Bewertung mit durchschnittlich 4,8 Punkten abgegeben und Mitarbeiter der Metzgerei Huber-Schulz aus Ismaning mit durchschnittlich 4,7 Punkten, wäre das doch keine Nachricht für ein großes Portal wie n-tv. Für Glassdoor übrigens auch nicht. Denn dort konnten eh nur Unternehmen Top-Arbeitgeber werden ab 1.000 Mitarbeiter.

Die Millionen mittelständischen Unternehmen, die in Deutschland in Summe die meisten Arbeitsplätze stellen, fallen bei nahezu allen Arbeitgeberrankings komplett aus dem Fokus der Jobsuchenden. Das stelle ich immer wieder fest, insbesondere beim Kontakt mit Studierenden.

Medial gehypte Top-Arbeitgeber können Mittelständler über Arbeitgeberrankings so gut wie nie werden.

Der einzige Gewinner ist Glassdoor

Den größten Profit aus der Angelegenheit ziehen allerdings nicht die genannten Gewinner-Unternehmen, denen deswegen weitere Tausendschaften an willigen Mitarbeitern zuströmen. Der wahre Gewinner ist die Plattform Glassdoor, die damit ihre Bekanntheit weiter ausbauen kann und Mitarbeiter von Unternehmen in Deutschland anstachelt, ab sofort ebenfalls fleißig Stimmen abzugeben.

Zudem stellt sich die Frage, ob die Verantwortlichen von Audi, die ansonsten zu den ewig Ersten der Rankings gehören, bei Glassdoor BMW und Volkswagen einfach so das Feld überlassen wollen? Das Spiel geht also schon in die nächste Runde.

Gewinner und Verlierer stehen bereits fest…

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