Sehr kritische Gedanken zu Arbeiten 4.0 anlässlich der HR-Fachmesse Zukunft Personal

Ein Warnhinweis vorab: Dieser Beitrag enthält zum Teil massive Kritik an Thesen und Aussagen zur Arbeit 4.0 anlässlich der HRM-Expo Zukunft Personal in Köln vom 15.09.-17.09. – diese bezieht sich ausdrücklich nicht auf den Veranstalter, sondern in der Hauptsache auf die inhaltlich verantwortlichen Akteure und Aussteller. Allergiker-Hinweis: Dieser Beitrag kann Spuren von Ironie enthalten. Ein Weiterlesen erfolgt auf eigene Gefahr.

Die neue Arbeitswelt. Hype oder Wirklichkeit?
Eine kritische Betrachtung der New Work nach 3 Tagen Zukunft Personal

Ok, dann folgen Sie mir mal bei meinen Gedanken zum diesjährigen Leitmotto der Messe „Arbeiten 4.0“.

Die Digitalisierung ist unumkehrbar und nicht abzuwenden! – Tatsächlich?

Mein erstes Erlebnis suchte mich gleich beim Betreten der Messehallen heim: Nach analogen Gespräche wurde mir schon Wochen zuvor ein digitaler Ticketcode zugesandt. Nach Eingabe in das Online-Registrierungsformular erzeugt mein heimischer Drucker einen analogen Ausdruck (mit dem wichtigen Hinweis „Bitte nicht knicken!“). Diesen Ausdruck musste ich am Eingang der Messe dann am Barcode erneut scannen, woraufhin ein neuer Print-Ausdruck erfolgte, der sich Referententicket nannte.

Als ich dann diesen neuen Barcode am Drehkreuz unter den Scanner halten wollte, schrie mir der Security-Mann entgegen: „Nicht scannen!!! Bitte mir nur Ticket vorzeigen und dann einfach durchgehen.“. Ahja.

Mein, zugegebenermaßen Persoblogger-typischer, Gedanke: Vielleicht heißt es ja deswegen „Arbeit 4.0“, weil ich die vierfache Arbeit habe, um digital in analog in digital in analog zu verwandeln.

Arbeitsprozesse sind noch nicht 4.0-reif
Das Print-Wunderwerk nach mehrmaliger Digitalisierung-Analogisierung

Analoge Gespräche statt digitaler Powerpoint-Schlachten

Vor meiner Abreise zuhause hatte ich mir in zweieinhalbstündiger kleinteiliger Arbeit am PC einen Plan der für mich interessanten und relevanten Vorträge via Excel zusammengestellt und (natürlich) analog ausgedruckt für die Jackettasche. Allerdings bestand der gesamte erste Tag der Messe dann doch nur in persönlichen Gesprächen mit anderen Messeteilnehmern sowie Ausstellern. Quasi Kommunikation 1.0. Und ich habe tatsächlich eine Menge relevanter Informationen erhalten und einiges gelernt.

Ja, ich habe viel geredet, aber auch gut zugehört. Was heutzutage unter dem Stichwort „Arbeit 4.0“ nicht mehr ganz so selbstverständlich ist.

Die digitale Weiterverbreitung unverarbeiteter Informationen

Die Arbeit von 4.0-Kommunikatoren besteht heute darin, Informationen digital an eine große Menge von Adressaten mobil weiterzuverbreiten. Wo Journalisten früher mit Block und Stift aufmerksam zuhörten und sich Notizen für das Schreiben Ihres Beitrags am heimischen PC machten, regiert heute Twitter. Mit erheblichen Auswirkungen:

In der irrtümlichen Annahme, Menschen seien multitaskingfähig, werden bei Vorträgen gehörte Zitate heute Sekunden später auf 140 Zeichen verkürzt in die Welt hinausgespiehen, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Tags dran für die Twitter-eigene Suchmaschine, weitere Kommunikatoren mit rein in den Text und ab dafür. Dann ein Feuerwerk an Favorisierungen (die Twitter-eigenen Likes), Retweets, Antworten und ein zum Bersten gefülltes Postfach mit Infomails über all diese Vorgänge.

Die früher voll dem präsentierenden Referenten geltende Aufmerksamkeit kann dieser sich heute nur noch bruchstückhaft erkämpfen und verliert sie immer häufiger gegen die Macht des digitalen Molochs Twitter. Sind das die Auswirkungen digitaler Kommunikation 4.0?

Aus Sicht von Referenten finde das fragwürdig. Warum sich eigentlich noch die Mühe machen und persönlich anwesend sein beim Vortrag, wenn doch eine Zusammenstellung zitierenswerter 140-Zeichen-Snippets für die Weiterverbreitung ausreichen würde. Statt Arbeit 4.0 eher Aufmerksamkeit 0.4.

kritische Selbstreflexion in Bezug auf Kommunikation
Twitter-Pic von Lars Hahn – alle am Twittern

Virtuelle Realität als „next big thing im HR“?

Das führt uns gleich zum nächsten Thema, das auch mit zahlreichen Vorträgen und Präsentationen auf der Zukunft Personal bedient wurde: Virtual Reality als Ausprägung der New Work, wie die Arbeit 4.0 auch oft genannt wird. HR wird digital und virtuell.

Damit meine ich jetzt nicht die rein virtuelle Anwesenheit von Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice oder bei mobiler Außenarbeit. Es geht vielmehr um Themen wie die Augmented Reality Brille Oculus aus dem Facebook-Imperium. Auch diese Technologien sollen laut Aussagen zahlreicher technikbegeisterter Referenten in Kürze Einzug halten in deutschen Personalabteilungen.

Virtual Reality – wieder mehr Chance auf schönen Schein?

Zum Beispiel mit virtuell abgebildeten Unternehmensgebäuden, in denen man sich mittels solcher Technologie digital bewegen kann. Das Einsatzszenario von Virtual Reality im HR zukünftig sei angeblich vielfältig, weil sich Bewerber beispielsweise schon vor Arbeitsantritt die Bürogebäude und Arbeitsplätze von innen anschauen können.

Es besteht also in Zukunft wieder vermehrt die Chance, die eigene Arbeitgebermarke virtuell aufzuhübschen. OK, kostet ein bissel was, aber wer Innovation als Markenwert verkörpern will, der darf hier doch nicht knauserig sein, oder?

Bewerber täuschen leicht gemacht?
Virtuelle Realität kann reale Realität schönen.

Wenn ich solche Aussagen höre, frage mich allerdings immer, wie viele Unternehmen denn tatsächlich so überzeugend tolle moderne Arbeitswelten haben, dass ein virtueller Blick einen Bewerber derart rockt, dass er sich sofort bewirbt. Und ganz ehrlich: Warum laden Unternehmen diese Bewerber dann nicht gleich ein und zeigen ihnen alles live? Wegen der teuren Reisekosten?

Soso, dann sollten Sie jetzt mal nachdenken, wo Sie als Personaler Ihr Geld besser investieren. In den persönlichen Kontakt 1.0 mit den Bewerbern oder in virtuelle Hochglanzwelten…?

Arbeit 4.0 ist durch – wann kommt Arbeiten 5.0?

Es ist schon erstaunlich, wie kurzlebig Themen in der heutigen Zeit geworden sind. Vorgestern ging es noch um den Sinn und Zweck von Employer Branding, gestern um Mobile und Social Recruiting und heute reden alle über Arbeiten 4.0. Ist mir da was entgangen? Wann war denn eigentlich Arbeiten 2.0 oder 3.1?

Ja, schon klar: Der Markt versucht mit Begriffen, die wie die Versionierungen von Software klingen, disruptive Innovationen bzw. Veränderungen greifbar und diskutierbar zu machen.

Aber dann höre ich Sätze wie „Wenn ich als Journalist etwas geschickt bekomme zur Generation Y, dann lösche ich das sofort. Das Thema ist durch.“. Aha. Und Mobile Recruiting auch. Und zur Messe nächste Jahr auch „Arbeiten 4.0“, wollen wir wetten?

Innovationsthemen kommen bei der HR-Basis nicht an

Das muss man sich schon mal auf der Zunge zergehen lassen: „Diese Themen sind durch.“. Ich weiß zwar was damit gemeint ist: Jeder, der sich für einen Marktexperten hält oder etwas verkaufen möchte, hat sich dazu bereits geäußert und alle großen HR-Magazine und Plattformen haben darüber berichtet. Aber „durch“ sind diese Themen in der Realität, also der echten jetzt, die tagtäglich am Schreibtisch Millionen deutscher Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer passiert, doch noch lange nicht!

Im Gegenteil. Dort kämpfen zum Beispiel Recruiter noch mit 1.0. – Wobei es eine weitere spannende Frage ist, ob der sogenannte „Recruiter 2.0“ überhaupt mit einer „Arbeit 4.0“ aufnehmen kann, ohne Recruiter 4.0 zu sein…

Wie rekrutieren deutsche Unternehmen
Oft kämpfen die Recruiter in einem Unternehmen noch mit Basics

Jetzt aber mal ganz im Ernst und ohne Ironie:

Warum werden Themen (oder gerne auch Säue) mit einer solch kurzen Haltbarkeitszeit durch das globale HR-Dorf getrieben? Warum werden von Anbietern technische Highend-Szenarien entwickelt, die 95% der Unternehmen, insbesondere der Mittelstand niemals einsetzen kann oder will? Wieso will die Recruiting-Industrie uns fortwährend neue Themen verkaufen, wenn HR auf der anderen Seite heerscharenweise noch in Vorträgen zur „Candidate Experience“ sitzt.

Candidate Experience – alter Wein in neuen Schläuchen

In der Tat stand ein Tag der Messe ganz im Zeichen dieses Themas – unter das im Übrigen auch das gesamte Jahr 2015 als „Jahr der Kandidaten“ gestellt wurde.

Das muss man sich schon ein wenig auf der Zunge zergehen lassen: Personaler entdecken für sich, dass es einen Unterschied macht, ob ich Bewerbungen nach 3 Tagen oder überhaupt nicht beantworte. Und ob Bewerbern die Kontaktaufnahme mit dem Unternehmen tendenziell eher erschwert oder vielleicht doch besser erleichtert werden soll?!

Klingt so, als ob man einem Metzger sagt: „Pass auf, räume mal die Transportkisten vor der Theke weg, damit die Kunden besser ran kommen und putze Deine Auslage täglich, da bilden sich sonst Bakterien, die die Wurstwaren befallen können!“.

Hausaufgaben 1.0 machen statt Arbeit 4.0 diskutieren!

Liebe HR-Gemeinde, und wir reden neben Candidate Experience gleichzeitig über Arbeiten 4.0, wo die einfachsten Hausaufgaben im Unternehmen noch nicht gemacht sind? Komplett den Glauben an Themen wie Digitalisierung und Arbeit 4.0 verliere ich immer dann, wenn einem HR-Referenten die Powerpoint-Präsentation abbricht, weil er auf seinem Presenter den falschen Knopf drückt und er sich verzweifelt nach einem Techniker umschaut, der ihm mit einem Klick auf das korrekte Icon alles wieder zu Laufen bringt.

Und Ihr sprecht über Arbeiten 4.0…?

Schreckensszenario? Computer leitet Mensch bei der Arbeit an

Ein weiteres Thema in diesem munteren Reigen ist die neue Kooperation von Mensch und Maschine bei der Arbeit 4.0. Da wird ein Szenario an die Wand gemalt, bei der eine Vielzahl von Arbeitnehmern (m/w) zukünftig gezwungen wird, nur noch Anweisungen vom Computer anzunehmen und diese zu befolgen, beispielsweise bei der Bedienung hochkomplexer Anlagen. Und was das an Veränderung für diese Menschen mit sich bringt.

Aus meiner Sicht verliert das Szenario sehr schnell an Schrecken, wenn man sich klarmacht, über welche Mitarbeiter hier konkret geredet wird. Das sind natürlich nicht diejenigen, die sich mehr Mitbestimmung oder unternehmerische Verantwortung wünschen, sondern oftmals Fachkräfte, die schon heute eng mit Maschinen zusammenarbeiten. Mal ganz abgesehen davon, dass nach den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Theorien (z.B. dem situativen Führen) sowie Menschen gibt, die viel lieber eng geführt bzw. angeleitet werden wollen und die das sogar glücklich stimmt.

Und genau betrachtet ist die Entwicklung alles andere als 4.0 oder neu: Denn seit es Computer gibt, sagen sie uns wann sie Strom brauchen, wann wir ein Update machen und den PC nicht ausschalten sollen und vieles mehr.

Digitale Abstimmung zum 23. Personalwirtschaftsaward

Und dann gab es im Rahmen der Zukunft Personal noch zahlreiche Abendveranstaltungen, die ebenfalls kritische Ansatzpunkte für die vermeintlich glücklich machende Digitalisierung lieferten. Die Abstimmung über den finalen Gewinn des 23. Personalwirtschaftsawards (die übrigens die Personaler von Vodafone für sich entschieden) sollte beispielsweise über ein digitales Voting erfolgen.

Abendveranstaltung der Zeitschrift Personalwirtschaft
Vodafone gewinnt den 23. Personalwirtschaftsaward im KölnSKY 2015

Mittels einer verteilten (analogen) Wahlkarte, mussten die Gäste einen QR-Code scannen, um dann online ihre Stimme abzugeben. Wie erwartet funktionierte zwar das Scannen des QR-Codes perfekt, allerdings brachen die Internetverbindungen beim gleichzeitigen Zugriff der Teilnehmer ab, so dass nicht alle Inhaber einer Wahlkarte teilnehmen konnten.

Statt auf die Wahlkarte einen QR-Code aufzudrucken, hätte man alternativ auch drei Kreise zum Ankreuzen aufdrucken können. Das hätte den Vorteil gehabt, dass am Ende alle Anwesenden hätten am Voting teilnehmen können und zudem nicht hinterher an jedem Tisch 10 Smartphones auf dem Tischtuch liegenbleiben. – Früher hätte man uns als Prolls bezeichnet in solch edlem Ambiente im KölnSKY sein Handy auf den Tisch zu legen. Heute läuft das unter Mitbestimmung 4.0.

Viel heiße Luft – raus aus der 4.0-Blase!

Es wurde also allerorts viel geredet, diskutiert, gescannt, gevotet, getwittert und verkauft. Aber diesmal hat es bei mir oft einen fahlen Beigeschmack hinterlassen. Beim Thema „Geschmack“: Es wurde auch lecker gegessen. Irgendwas mit Espuma (Schaum) von Schoko-Dingens (4.0), was auch schon mal Grand Dessert (3.0) geheißen hat oder davor Mousse au Chocolat (2.0) und letztlich trotzdem immer sowas war wie der Schokopudding, den Oma uns als Kind gemacht hat (1.0).

Abschließend appelliere ich erneut an meine Leser und Gesamt-HR, zwar stets offen für neue und innovative Themen zu sein, diese gleichzeitig aber höchst kritisch zu hinterfragen. Gerade im Rausch einer solchen Messe kann das jedoch schnell verloren gehen.

Vielleicht ist es ganz gut, dass Sie erst jetzt meinen Beitrag dazu lesen. In diesem Zusammenhang vielen Dank für Ihre volle Aufmerksamkeit!

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