Ein offener Brief an Buchautorin Kerstin Bund

Inspiriert durch die wunderbaren Werke meiner Bloggerkollegin Alex Götze, habe auch ich mich an einen offenen Brief gewagt. Er geht an Kerstin Bund, die Autorin des Buches „Glück schlägt Geld – Generation Y: Was wir wirklich wollen“:

Buchcover "Glück schlägt Geld - Generation Y: Was wir wirklich wollen"
Buchcover „Glück schlägt Geld – Generation Y: Was wir wirklich wollen“

„Liebe Kerstin,
ich duze Dich einfach, weil das schließlich in der Generation Y in einem Social Media Kanal, zu dem ich meinen Blog zähle, so Usus ist. Außerdem sind wir alterstechnisch gar nicht soooo weit entfernt. Du bist mit Deinen 31 Jahren, wie Du selbst schreibst, am oberen Ende der Generation Y, ich zähle mich umgekehrt zum unteren Ende der Generation X. Manchmal sogar verhaltens- bzw. einstellungsbedingt mit eklatanten Grenzgängen von X nach Y. Nicht nur, weil ich kürzlich allen Ernstes auf 29 geschätzt wurde. Allerdings ohne den mir derzeit ganz lieb gewordenen gepflegten Dreitagebart, der Style, von dem Du im Kapitel über die Google-Mitarbeiter so schön berichtest.

Nachdem ich derzeit fast jeden Beitrag zur Generation Y auf HR-Blogs oder in Online-Magazinen verschlinge, hat mich die Zusendung eines Rezensionsexemplars durch Deinen Verlag sehr gefreut. Ehe ich mich versah, hatte ich beim Lesen nahezu ein ganzes Päckchen der DATEV-grünen Papiermerkerchen zwischen die Seiten geklebt. Ganz einfach, weil ich zahlreiche Passagen Deines Buches für besonders kommentierenswert halte.

Was will sie denn nun, Deine Generation Y?

So zum Beispiel hast Du absolut Recht mit Deiner Vermutung, dass Vertreter der Generation Y auf die Frage nach den eigenen Schwächen im Bewerbungsgespräch tatsächlich am häufigsten die Antwort „Ich bin wahnsinnig ungeduldig“ gibt. Aus diesem Grund streiche ich diese Antwortmöglichkeit stets als Option. Zum einen findet sich in jedem Bewerbungsratgeber der Tipp, eine Schwäche zu nennen, die auch als Stärke ausgelegt werden kann. Zum anderen kann Ungeduld doch kein profilierendes persönliches Merkmal sein, wenn das nach Deiner Aussage gar eine ganze Generation kennzeichnen soll.

Auch bin ich durchaus skeptisch hinsichtlich der von Dir beschworenen besonderen Individualität der GenY. Bereits in den 80er-Jahren strebten wir nach Individualität. Es gab die Popper, die Waver, die Schlagerfuzzis und viele weitere Gruppierungen. Und Tattoos waren tatsächlich noch ein Zeichen für Individualität – heute gehört ein Tattoo zum Mainstream wie umgebundene Tücher oder Gummischuhe. Wobei Letztere damals Gummistiefel hießen und keine Löcher hatten, heute nennt man sie Crocs. Und sogar Chucks, die ich schon immer hässlich fand, sind bei Deiner Generation wieder hoch in der Beliebtheitsskala, was sie so gar nicht individuell macht.

Hinsichtlich Deiner Überzeugung, Generationsbegriffe hätten etwas Vereinnahmendes, stumpf Kollektivistisches, sind wir uns sehr ähnlich. Allerdings ist es doch gerade Deine Generation Y, die z.B. besonders auf kollektivistischen Humor abfährt. Comedians wie Mario Bart machen seit Jahren mit den immer gleichen pauschalen Aussagen über Männer und Frauen ein Vermögen. Daher kann ich es den Journalisten und sonstigen Publizierenden nicht übel nehmen, dass sie sich die Welt etwas vereinfachen. Das tust Du schließlich selbst so, wie Dein Untertitel „Generation Y: Was wir wirklich wollen“ verrät. Es lebe das „Wir“!

Die Generation Praktikum

Oft herhalten muss in der Tat die Bezeichnung „Generation Praktikum“. Zumindest immer dann, wenn es um die Kreativ- oder Verlagsbranche geht. Besonderes Highlight war für mich mein Besuch bei Axel Springer, zur Verleihung des Awards „Praktikant des Jahres“ im Jahr 2012, als mein eigener (also der Praktikant, der mit mir zusammengearbeitet hat) den Preis abgeräumt hat. Da Stand der Laudator am Stehpult mit dem „Axel Springer“ Schriftzug und erläuterte die Ergebnisse des Praktikantenspiegels von Clevis und Absolventa auf einer eingeblendeten Folie. Und darauf war der Gastgeber Axel Springer als einer der Arbeitgeber mit dem schlechtesten Ruf bei Praktikanten zu sehen. Muss also wohl was dran sein an Deiner Aussage.

Grafik Praktikantenspiegel 2012
Praktikantenspiegel 2012

Deine Beschreibung des Anti-Bilds der Arbeit auf Seite 57 von einem Büroalltag im Industriegebiet, zwischen Beton-Tiefgarage, tristen Zellenbüros und trostlosen Fluren weckt auch bei mir Horrorvorstellungen. Wissensarbeiter und Kreativarbeiter sollten überall arbeiten dürfen.

Zumindest geht das Bloggen fast überall, denn iPhone, iPad oder Laptop sind ja fast immer dabei. Da fällt es einem auch gleich leichter, statt von Work-Life-Balance vom Work-Life-Blend zu sprechen. Wobei ich da ehrlicherweise begrifflich fast an Zahncreme oder an Kaffee denken muss. Aber egal.

Zum Nachdenken angeregt hat mich Deine Formulierung, dass Deutsche eben „Zur Arbeit gehen“ oder „Auf Arbeit sind“. Präsenzkultur ist immer noch eines der größeren Übel im Übergang zur New Work. Da bin ich voll bei Dir.

Mein Aufschrei „Ha! Genau!! So isses!!!“ schallte lautstark durch das Schlafzimmer, wo ich Dein Buch vor dem Einschlafen konsumiert hatte, an der Stelle, wo Du die Vorteile von gelegentlicher Büroarbeit gegenüber einer dauerhaften Arbeit im Homeoffice mit folgenden Worten beschreibst: „(…) Einen Ort zu haben, wo man arbeitet und nicht gleichzeitig duscht, isst und schläft, gibt dem Tag eine Struktur und stellt sicher, dass man den Schlafanzug zwischendurch auch mal auszieht.“. Du tust es also auch, im Schlafanzug arbeiten, erwischt!

Das Umweltbewusstsein der Generation Y

Soso, Ihr mögt also Unternehmen, deren Mitarbeiter in ihre E-Mail-Signatur schreiben, dass der Empfänger einer E-Mail doch bitte an die Umwelt denke solle, ehe er diese Mail ausdruckt. Was aber, wenn durch diese vielen tausendfach unnützen Sätze in Mailsignaturen letztlich der Energieverbrauch der Server zusätzlich steigt und die Umwelt dadurch wesentlich stärker belastet wird? Lach nicht, es gibt tatsächlich solche Studien und Berechnungen und Umweltbeauftragte in Unternehmen beschäftigen sich zwischenzeitlich mit so etwas.

Image credit: feverpitched / 123RF Stock Foto
Die Generation Y hat ein hohes Umweltbewusstsein.

Ihr unterscheidet Euch nicht so sehr von uns. Auch wir haben Anfang der 90er als Mitglieder der Schülermitverantwortung (SMV) beim Kampf um den Erhalt der Milchflaschen aus Glas gegen Studien von Tetrapak verloren, nach denen das Säubern der leeren Flaschen wesentlich schädlicher für die Umwelt sein sollte als die Wegwerfverpackung. – Es gibt immer einen, der glaubt es besser zu wissen. Der Unterschied zu damals besteht heute darin, dass dieser jemand nur einen Klick in Google entfernt wütet.

Auf Seite 92 war ich dann kurzfristig enttäuscht von Dir, als Du vorgerechnet hast, dass wenn alle nur Teilzeit arbeiten würden, die Arbeit in Deutschland besser verteilt wäre und mehr Menschen in Beschäftigung stünden. Das passt nicht wirklich zu Deinen ansonsten sehr guten Recherchen und zahlreich zitierten Studien im Buch. Bereits heute reden die einen von Fachkräftemangel, die anderen leugnen ihn. Einig sind sich aber alle, dass es nicht zu wenige Jobs gibt, sondern dass vor allem Nachfrage und Angebot oft nicht zusammenpassen.

Führung motiviert die Generation Y nicht mehr

Dass Berufseinsteiger sich heute lieber fachlich vertiefen anstatt auf Teufel komm raus eine Führungskarriere anzustreben, kann ich bestätigen. Wir bei DATEV haben bereits vor Jahren alternative Karrierewege, wie z.B. die Fachberater-Laufbahn gestärkt, um diesem Trend zu begegnen. Stimmt, Menschen wollen auch gerne als Experten Anerkennung finden. Das habe ich selbst kürzlich wieder erleben können, als man mir für meine Arbeit auf meinem Blog eine „mediale Relevanz“ bescheinigte. Ich verstehe also, was Du meinst.

Work hard – play hard

Deine Recherchen für Dein Buch waren sicherlich extrem spannend. Zum Beispiel wäre ich einigen Interviewten selbst gerne begegnet. Wenn der Geschäftsführer eines Klinikverbundes tatsächlich über die Generation Y lästert, weil diese nicht mehr bereit sei Doppelnachtschichten oder 36-Stunden Schichten zu leisten, dann krampft sich mir echt der Magen zusammen. Die Patienten werden es danken, wenn die Ärzte nach tagelangen Übernächtigungen nicht mehr im Halbkoma im OP stehen. Vielmehr sollte er froh darüber sein, dass sich die Arbeitsbedingungen ändern, aber lassen wir das. Schließlich geht es mir hier ja um Dein Buch.

Eine Zusammenfassung vor der Zusammenfassung

Und das hat sich ganz lange sehr locker flockig gelesen – naja, als Journalistin hast Du das ja auch drauf. Nur nach der Seite 140 kamen plötzlich derart viele Wiederholungen, dass Dein Werk wegen copy&paste-Verstößen knapp an der Grenze zum Plagiat der Kapitel davor vorbeischrammte. Gut, dass Du (noch?) keinen Doktortitel hast.

Ein paar Kapitel später kam dann tatsächlich nochmal eine offizielle Zusammenfassung aller wichtigen Inhalte der vorherigen Kapitel. Das ist prima für alle, denen die knapp 190 Seiten noch zu viel zu Lesen sind. Allerdings rate ich diesen trotzdem zum Erwerb des Buches. – Wobei ich genau genommen natürlich nicht zum „Erwerb“ des Buches raten sollte, weil Du es ja als Generation Y viel lieber siehst, wenn die Menschen sich etwas teilen oder leihen, als dass sie es sich selbst anschaffen.

Für einen wertvollen Gedankenanstoß in Deinem Buch möchte ich Dir noch besonders danken, auch wenn dieser originär nicht von Dir stammt, sondern von einem Autor der Huffington Post. Ich meine damit die einfache Rechnung: Glück ist Realität minus Erwartungen.

Wirklich schön. Danke dafür!

(D)ein Leser, fast aus der Generation Y,
Stefan“

____________________________

Sei informiert über neue kritische Beiträge und abonniere diesen Blog über den E-Mail-Eingabeschlitz rechts oben neben der Artikelüberschrift!
____________________________